Theodor-Heuss-Realschule
Lüdenscheid
Die Klasse 9e hat im Rahmen einer Unterrichtsreihe über Kurzgeschichten, die Deutschland zwischen 1933 und ca. 1960 spiegeln, den Film "Das Wunder von Bern" angesehen. Mit Hilfe des Films gelang es, sich die Verhältnisse von damals besser vorstellen zu können.
Inhalt
In den ärmlichen Verhältnissen einer kleinen Bergarbeitersiedlung in Essen (s.
räumliche Ausstattung in den 50er Jahren) sieht der elfjährige Matthias
mit seiner Mutter und seinen Geschwistern voller
Hoffnung und Sorge der Rückkehr seines Vaters aus sowjetischer Kriegsgefangenschaft
entgegen. Längst hat Matthias' Mutter
gelernt, sich und ihre Kinder unter den großen Entbehrungen des Krieges (s.
Mode der 50er Jahre) und der Nachkriegsjahre allein zu versorgen. Sie
führt
mit Erfolg und Leidenschaft eine Eckkneipe. Und der fußballbegeisterte Matthias
hat bereits einen Ersatzvater gefunden: den -
allerdings etwas disziplinlosen - Essener Stürmer-Star und Nationalspieler Helmut
Rahn - sein Idol. (s. dazu: Die Rolle der
Disziplin in Familie und im Fußball)
Matthias verdient sich als Taschenträger vom "Boss" nicht nur ein paar Groschen
dazu, die er und seine Familie gut gebrauchen
können, sondern ist für den Stürmer Rahn auch unersetzlich: Angeblich kann dieser
nur dann gewinnen, wenn Matthias als sein
"Maskottchen" bei den Spielen dabei ist. Matthias glaubt fest daran.
Als abgemergelter Mann steigt Matthias' Vater aus dem Zug, verwechselt seine
Tochter mit seiner Frau
und
schenkt Matthias,
dem Ergebnis seines letzten Heimaturlaubs, kaum Beachtung. Bald muss er feststellen,
dass ohne ihn bereits alles gut zu laufen
scheint. Er kann die Welt des Krieges, die (militärische) Disziplin (s.
dazu: Die Rolle der Disziplin in Familie und im Fußball)
und Gefangenschaft nicht hinter sich zu lassen und hat von Anfang an Schwierigkeiten
sich auf seine Familie einzustellen. Gerne
möchte der Vater wieder Herr in Haus sein - und ist doch in Wirklichkeit das
schwächste Glied in der Familienkette. Die
Konflikte sind vorprogrammiert. (s. Schwierigkeiten zwischen
Vater und Familie)
Kein Wunder also, dass Matthias seine Zeit lieber mit dem Boss verbringt oder
beim Bolzen auf den Straßen der
Bergarbeitersiedlung, wo er gerne die Rolle von Helmut Rahn spielt. Und während
Matthias Familie unter den Konflikten mit
dem heimgekehrten Vater zu zerbrechen droht (s. Bedeutung
des Fußballs für den Zusammenhalt innerhalb der Familie), beginnt in
Bern eine sportliche Erfolgsgeschichte, deren glückliches Ende sich
bis 15 Minuten vor Schlusspfiff kein Mensch hätte träumen lassen.
Weil Matthias für Helmut Rahn eine Kerze in der Kirche angezündet hat, stellt
sein streng katholischer (s. Kirche und Religion)
Vater ihn
unter Stubenarrest in der kargen elterlichen Wohnung (s.
Armut und Reichtum), und er kann deshalb die
Weltmeisterschaftsspiele nicht im neu gekauften Fernseher verfolgen (s.
Radio, Fernsehen und Telefon). Der Konflikt zwischen Matthias und seinem
Vater spitzt
sich zu. Jetzt muss der Vater etwas tun, um Matthias nicht zu verlieren. Endlich
springt er über seinen Schatten und fährt mit
seinem Sohn in die Schweiz. Auf der Fahrt nach Bern lernen Vater und Sohn sich
wirklich kennen, und Matthias ist gerade
noch rechtzeitig zur zweiten Halbzeit im Stadion, um dabei zu sein, wie Helmut
Rahn das wichtigste Tor in der deutschen
Fußballgeschichte (s. Training und Spiel) schießt.
Der Vater kehrt nach elf Jahren aus der Kriegsgefangenschaft in Russland wieder.
Auf dem Bahnhof verwechselt er seine Tochter mit
seiner
Frau.
Diese bekam während seines Lageraufenthaltes einen Sohn, Matthias. Der Vater glaubt aber zunächst nicht, dass Matthias sein Sohn ist, denn seine Frau könnte ihn ja auch betrogen haben. Als er Matthias sieht, beschimpft er ihn.
Am ersten Abend möchte die Frau etwas körperliche Nähe geben und/oder bekommen, doch ihr Mann Richard ist dazu (noch) nicht bereit.
Seine Zukunft stellt er sich so vor: Er will die Familie allein ernähren und seine Frau soll sich um die Kinder kümmern. Darum will er die Kneipe seiner Frau verkaufen. So hätte er auch noch etwas Geld, bis er eine Arbeit gefunden hat. Die restliche Familie ist nicht wirklich damit einverstanden, denn damit würde er alles zerstören, was sich die Familie nach dem Krieg mühsam aufgebaut hat.
Vater Richard will, dass besonders Matthias ein Vorbild in ihm
sieht. Deswegen duldet er nicht, dass dieser den Fußballer Helmut Rahn zum Idol
hat.
Der Vater findet seine Kinder verwahrlost, nur weil sein ältester Sohn Bruno Musiker ist und er das nicht für einen richtigen Beruf hält. Ihm missfällt weiterhin, dass seine Tochter mit einem Soldaten ausgehen will und sein jüngster Sohne eine Kerze für Helmut Rahn anzündet. Daraufhin darf Bruno keine Musik mehr machen, seine Tochter Ingeborg kein Fest mehr besuchen und Matthias bekommt Hausarrest.
Als Ingeborg tanzen geht, zieht der Vater sie aus dem Saal und beschimpft sie als "Soldatenhure", weil sie mit einem Soldaten getanzt hat.
© Selcan Altun, Justine Castillo-Eisold)
Matthias und seine Familie sind katholisch, das merkt man im Film zum einen daran, dass die Familie vor dem Essen das Kreuzzeichen macht, zum anderen daran, dass die Kirche, die die Familienmitglieder besucht, eine katholische ist (Priester, Opferkerzen).
In schlechten Zeiten besitzt die Kirche bzw. die Religion eine größere Anziehungskraft, als wenn es den Menschen gut geht, denn in hoffnungslosen Zeiten bieten Kirche und Religion besonderen Halt. So geht es auch der Familie Lubanski.
Matthias geht in die Kirche, opfert eine Kerze
und betet, dass sein Fußball-Idol, Helmut Rahn (genannt Boss),
bei
den Spielen im Rahmen der WM 1954 aufgestellt wird. Der Vater hingegen hält
ein solches Verhalten für Gotteslästerei (Blasphemie). Außerdem sind die 50
Pfennig, die Matthias für die Kerze bezahlt hat, zu der damaligen Zeit viel
Geld; das kann man nach der Meinung des Vaters für Gott, aber nicht für einen
Fußballspieler opfern.
Vom Fußballfieber lassen sich sogar die Pfarrer und Mönche anstecken. Der Pfarrer selbst berät den Vater nicht nur in seiner schwierigen familiären Situation, sondern leiht ihm am Ende sein Auto[1], damit Vater und Sohn zur WM nach Bern fahren können.
(© Tanja Erlinghagen, Elli Tsigkirliotis)
Der Vater ist in manchen Dingen zu autoritär, misst der Disziplin zu viel Wert zu und übt gegenüber den Kindern sogar Gewalt aus.
Als der jüngste Sohn Matthias heimlich versucht, nachts mit dem Zug in die Schweiz zu Helmut Rahn zu reisen, wird er von seinem Vater vom Bahnhof zurück nach Hause geholt. Anstatt Matthias zu fragen, warum er von zu Hause weg wollte, wurde er vom Vater mit einem Gürtel geschlagen.
Als der Vater Matthias dabei sieht, wie er eine Kerze in der Kirche anzündet, will er unbedingt wissen, für wen er dies tut. Nachdem Matthias ihm darauf gesteht, dass er für sein Fußball-Idol diese Kerze geopfert hat, gibt der Vater Matthias eine Ohrfeige und für eine Woche Hausarrest.
Seine Tochter tanzt auf einem Tanzabend mit einem Soldaten und wird daraufhin von ihrem erbosten Vater als Soldatenhure bezeichnet. Das wirft ein bezeichnendes Licht auf die Erfahrungen des Vaters als Soldat ...
Die Tochter durfte sich nicht mehr chic anziehen und sich mit dem jungen Mann nicht mehr treffen.
Dass der Sohn Bruno in einer Band spielt und in der Familie während der langen Abwesenheit des Vaters die Vaterrolle übernommen hat, findet der Vater auch nicht gut und versucht erfolglos, den erwachsenen Sohn in seine Schranken zu weisen. Schließlich bringt der Vater es damit so weit, dass sein ältester Sohn sich nach Ost-Berlin absetzt.
Zum Geburtstag der Mutter tötet der Vater Richard zwei Kaninchen, die als Spielgefährten für Matthias dienten, mit der Absicht, zur Abwechslung mal etwas Fleisch für das Geburtstagsessen auf den Tisch zu bringen. Außerdem macht er nicht nur der Mutter, sondern auch jedem seiner drei Kinder ein Geschenk. Er will zwar der Familie etwas Gutes tun, handelt aber genau gegensätzlich, indem er Matthias seine Spielgefährten wegnimmt.
Nach einem intensiven Gespräch mit dem Pfarrer wird das Verhältnis
des Vaters zur Familie etwas besser. Der Pfarrer versucht dem Vater zu erklären,
dass er keine Stärke demonstrieren soll, um Schwächen zu verbergen, sondern
dass es sinnvoller ist, zu seinen Schwächen zu stehen. Der Vater versucht nun
etwas mehr, auf die Familienmitglieder einzugehen. Er leiht sich das Auto des
Pfarrers und fährt mit Matthias zum Weltmeisterschaftsendspiel Deutschland gegen
Ungarn nach Bern. 
Die Mutter findet das Verhalten des Vaters ebenfalls nicht gut. Sie hat in den 12 Jahren, in denen ihr Mann in Russland in Gefangenschaft war, für die Kinder gesorgt und eine eigene Kneipe aufgebaut. Sie ist selbständig und findet, dass sie die Kinder diszipliniert erzogen hat, denn jedes der Kinder trägt zum Familienunterhalt bei: Matthias dreht aus alten Kippen neue Zigaretten, die er später verkauft, Mutter und Tochter arbeiten bis zum Umfallen in der Kneipe, und der älteste Sohn Bruno steuert die Einkünfte aus seinen Auftritten mit der Band zur Familienkasse bei.
Entsprechend wirft sie ihrem Mann in einem Gespräch vor,
dass er nur bemitleidet werden wolle und er der einzige in der Familie sei,
der undiszipliniert handele.
Es zeigt sich, dass für den Vater Disziplin in erster Linie "absoluter Gehorsam" heißt, so wie er es in seiner Kindheit und während des Kriegs gelernt hat. Damit scheitert er bei seiner Familie.
Die Mutter und die Familie verstehen unter diszipliniertem Verhalten in erster Linie Selbständigkeit und die Übernahme von Verantwortung.
Das Problem der Disziplin wird auch im Fußball aufgegriffen. Matthias Sportidol Helmut Rahn geht während der WM mit zwei Freunden in eine Bar und kommt sturzbetrunken zurück. Der Trainer hält dies der Mannschaft gegenüber für undiszipliniert und redet mit einer Reinigungsfrau aus dem Schweizer Hotel darüber. Diese rät ihm, nicht immer so streng zu seinen Spielern zu sein, man sei schließlich in der Schweiz, nicht in Deutschland.
Hier wird deutlich, dass auch das Nachkriegsdeutschland noch mit "Ordnung und Disziplin" assoziiert wird.
Helmut Rahn war ein guter Spieler und hatte
eine gute Kondition, deshalb wurde er im Endspiel trotzdem eingesetzt
.
Ein anderer "undisziplinierter" Spieler ist Raucher, und ihm wird vom Trainer angedroht, dass er aus der Nationalmannschaft fliege, weil sein Rauchen "Betrug an der Mannschaft" sei.
Wir finden es gut, dass dieser Spieler noch eine Chance bekommen hat, denn man kann nicht sofort mit dem Rauchen aufhören, dafür braucht man auch Zeit.
Der Trainer findet, dass seine Spieler zu wenig Kondition haben, deswegen lässt er sie alle Liegestütze machen. Er selbst zeigt sich selbst als sehr diszipliniert, indem er nicht neben den Spielern steht und sie kommandiert, sondern selbst mitmacht.
Da die Ungarn gute Taktiker waren, musste die deutsche Mannschaft dem mit einer besseren Kondition begegnen.
(© Jenny Seyfried, Eva Brüser)
Im Film werden unterschiedliche Trainingsmethoden gezeigt, begonnen beim Krafttraining (Liegestütze) bis hin zu Trainingsspielen.
Der Trainer ist außerordentlich streng und erfolgsorientiert. Er lässt die Spieler mehrmals Liegestütze bis zur Erschöpfung machen, um ihre Kraft zu verbessern.
Da der Trainer besonderen Wert auf Teamspiel legt, macht er sehr viele Übungen zur Koordination und immer wieder Trainingsspiele. Um den Torwart in Form zu halten, gibt es einen extra Torwarttrainer, der nur für die Torhüter zu ständig ist.
Das Torwart-Training lief im Film wie folgt ab:
Zwei Torhüter lagen auf dem Boden und der Trainer warf den Ball unterschiedlich nach links oder rechts zu den Torwarten. Die Übung ist wichtig, um die Reaktion der Torhüter zu verbessern.
Das im Film dargestellte Fußball-Training unterscheidet sich nicht wesentlich von heutigem Fußballtraining. Die Trainingseinheiten sind meistens immer gleich aufgebaut. Da der Trainer Teamspiel orientiert war, "hasste" er Alleingänger. Helmut Rahn war so einer, deswegen ließ der Trainer ihn zunächst nicht auflaufen. Er kannte aber andererseits die Torgefährlichkeit Rahns, so dass er im Endspiel zum Einsatz kam.
Der wichtigste Spieler in der Mannschaft war für den Trainer der Kapitän Fritz Walter; er bezeichnet ihn als "Kopf der Mannschaft", ohne den man nicht gewinnen könnte.
Walter hatte die Führungsrolle Nummer eins im Spiel, auf ihn konnte sich der Trainer verlassen, ihn konnte er auch um fachlichen Rat fragen im Blick auf die Aufstellung.
© Stephan Dette , Ronja Henkel
Der Film zeigt, dass das Mobiliar in den 50er Jahren anders aussah als bei uns heutzutage. Es werden sowohl reiche als auch arme Familien in ihren Wohnungen gezeigt.
Z. B. ist das Bett der Eltern Lubanski klein und schmal, schlicht gearbeitet und aus braunem Holz. Alle Möbel sind in braunen, schwarzen, grauen und braunen, allenfalls hellblauen Tönen gehalten, bunte Farben gibt es in der Wohnung nicht. Die Couch und die Vorhänge sowie weitere Möbel undGegenstände, die aus Stoff sind, bestehen im Wesentlichen aus Wolle oder Baumwolle.
Dagegen sieht man in der Wohnung des betuchteren Sportjournalisten viele kräftige und knallige Farben. Die meisten Möbel sind mit bunten Stoffen bezogen. Vorherrschende Farben sind rot, gelb, grün, blau und pink. Lederne Möbel sind ebenfalls vorhanden, die Lampenschirme sind wahrscheinlich aus Seide.
In der Wohnung der Lubanskis gibt es dagegen keine teuren Möbelstücke. Sie können sich so etwas nicht leisten, während der Sportreporter viele wertvolle Stücke, möglicherweise auch Designer-Möbel, in seiner Wohnung hat.
Das Hotel in
der Schweiz ist prachtvoll und mit vielen Blumen bepflanzt; es macht einen sehr
sauberen und hochherrschaftlichen Eindruck.
Die Gäste, die dort wohnen, müssen anscheinend viel Geld haben. Das Haus der Lubanskis ist dagegen sehr dürftig gestaltet. Überall sieht man die kahlen Mauern. Man merkt, dass dort ärmere Menschen leben.
© Jana Grürmann, Jessica Knaup
Armut und Reichtum prägen den Film von Anfang bis Ende und offenbar auch die 50er Jahre.
Die Familie Lubanski ist sehr arm. Sie lebt
in einem kleinen Bergarbeiter-Haus in einer schmutzigen, größtenteils ungepflasterten
Gegend . Die Geschwister müssen sich ein kleines, karg eingerichtetes Zimmer
teilen. Die Kleidung der Familie ist unmodern und dem Diktat der Sparsamkeit
unterworfen: Der jüngere Sohn trägt Lederhosen, die nicht so schnell kaputt
gehen, aber auch schlecht zu reinigen sind und daher schnell stinken.
Die Familie kann sich wenig leisten, nicht einmal Fleisch. So kommt es einmal, dass der Vater der Mutter zum Geburtstag etwas Gutes kochen will. Da sie sich aber kein Fleisch leisten können, schlachtet der Vater die Kaninchen des jüngeren Sohn Matthias.
Alle in der Familie helfen, indem sie arbeiten. Die Mutter arbeitet in der Kneipe, die sie nach dem Krieg aufgemacht hat, die Tochter hilft bei der Bedienung. Der ältere Sohn Bruno ist Musiker und verdient damit Geld. Der kleine Matthias dreht Zigaretten: Er nimmt die gebrauchten Kippen vom Boden, entnimmt ihnen den übrig gebliebenen Tabak und sammelt so lange, bis er genug hat, um einen neue Zigarette zu drehen. Dann verkauft er sie.
Als der Vater aus dem Krieg zurückkommt, will er wieder im Bergbau arbeiten, steht das aber körperlich nicht mehr durch.
Im Gegensatz zu Familie Lubanski ist das Sport-Reporter-Ehepaar reich. Sie haben ein großes Haus mit vielen Zimmer und können sich leisten, was sie wollen. Zunächst planen sie ihre Hochzeitsreise sogar nach Marokko.
Als Sportreporter arbeitet nur der Mann, und er verdient damit offenbar genug Geld, um sich und seine Frau zu ernähren. Auto, Fernsehen, Radio, ein Luxus-Zimmer im Hotel in Bern, ein Schrank voller Kleider in bunten Farben, das alles gehört für die beiden wie selbstverständlich zum täglichen Leben.
Julia Silakof, Ria Stavrou
In den 50er Jahren gab es nicht die gleichen Kommunikationsmedien wie heute. Da ein Telefon zu viel kostete, besaßen die meisten Einwohner keines, sondern allenfalls ein Radio. Manchmal gab man jemandem, der zum Fußballspiel fuhr, eine Brieftaube mit, der sie, wenn das Spiel zu Ende war, mit einem Zettel, auf dem das Ergebnis des Spiels stand, nach Hause schickte. So schauen die Kinder z. B. vom Baumhaus aus, wann die Taube kommt und gehen auf den Dachboden, um der eingeflogenen Brieftaube den Zettel mit dem Ergebnis abnehmen zu können.
Fernseher gab es erst seit kurzem. In manchen Kneipen werden sie angeschafft, um neue Kunden zu gewinnen. Der Fernseher hatte einen hölzernen Kasten und unter der Glasscheibe befand sich ein kleines Rad, an dem man drehen musste, um den Sender zu verstellen. Außerdem brauchte man eine Antenne, die mit einem Kabel verbunden war, um einen guten Empfang zu bekommen.
Bei einem Spiel der Weltmeisterschaftsvorrunde nimmt Matthias in der elterlichen Kneipe 50 Pfennig Eintritt von den Besuchern, die in die Kneipe kommen, um das Spiel zu sehen. Damit trägt er zum Familienunterhalt bei.
Einmal bekommt Matthias Hausarrest. Da er so das Ergebnis des Fußballspiels nicht erfahren kann, kommen die Freunde und zeigen eine große Papptafel, auf der das Ergebnis steht, zum Fenster hinaus. Telefon, Handy, Fax, Mail oder SMS gibt es nicht. Matthias hat Glück, denn sein älterer Bruder bringt ihm ein Radio, damit er die Fußballspiele der WM mitverfolgen kann.
Da ein Fernseher früher Luxus war und kaum jemand einen besaß, stand beim Endspiel in den verlassenen Straßen ein Pulk von Menschen vor einem Fernsehgeschäft, um sich das Spiel ansehen zu können.
© Ulrike Meyer, Meike Schmalenbach
Wegen des Fußballs gibt es viel Streit in der Familie, doch letztendlich stärkt der Fußball auch wiederum das Verhältnis zwischen Vater und Sohn. Als der Vater aus Russland wieder kommt, versucht er krampfhaft, Anschluss an die Familie zu finden. Dies schafft er jedoch nicht. Ein Grund dafür ist, dass er die Leidenschaft seines Sohnes für den Fußball nicht nachempfinden kann. Ihm platzt der Kragen, als er erkennen muss, dass Matthias für sein Idol Helmut Rahn in der Kirche eine Kerze anzündet (s. Kirche und Religion). Er schlägt seinen Sohn, gibt ihm Stubenarrest und will ihm damit klar machen, dass Fußball in der Kirche nichts zu suchen hat und Gotteslästerung bedeutet.
Doch gerade dies stärkt den Zusammenhalt der Brüder: Der große Bruder Bruno schenkt Matthias, obwohl er nichts von Fußball hält, ein Radio (s. Radio, Fernsehen, Telefon), damit er - trotz Stubenarrest - das Spiel der Nationalmannschaft auf diese Weise mitverfolgen kann.
Der Vater versucht - auch über Fußball - eine Annäherung an Matthias. So erklärt er ihm, wie man seine eigenen spielerischen Stärken herausfindet. Und Matthias gelangt so zu mehr spielerischem Erfolg.
Nach dem klärenden Gespräch des Vaters mit dem Pfarrer stellt sich der Vater selbst auf den Bolzplatz und beginnt, den Lumpenball zu spielen. Sein "Tor", ausgeführt als Fallrückzieher, bedeutet symbolisch einen Durchbruch zu einem besseren Umgang mit seiner Familie.
Als das WM-Finale ansteht, weckt der Vater früh morgens seinen Sohn, um mit ihm nach Bern zum Finalspiel zu fahren. Erst hier nimmt der Vater seinen jüngsten Sohn mit seiner Fußball-Leidenschaft wirklich an.
© Deniz Günez, Tim Gurol
Die Jungen tragen Leder-Latzhoden und kurzärmelige Hemden. T-Shirts gibt es noch nicht. Die Mädchen tragen meist Kleider, oft (für heutige Maßstäbe) zu kurz und zu eng. Die Kinder haben fast jeden Tag die gleichen Sachen an; die Kleidung sieht auch dementsprechend aus: Die Schuhe sind kaputt und ausgelatscht und die Hemden und Kleider schmutzig (s. Armut und Reichtum).
Die Männer in der Siedlung bevorzugen Anzüge, Hemden, Hüte und sehr ordentliche Schuhe. Die Frauen tragen Kleider, Blusen, Röcke und flache Schuhe. Schürzen dienen dazu, die alltägliche Kleidung vor allzu schneller Verschmutzung und Abnutzung zu schützen. Nur bei öffentlichen Tanzveranstaltungen sieht man auch hohe Schuhe, schicke Kleider mit weiten Röcken und Petticoats (= schwingende Unterröcke), Handtaschen und Schmuck.
Als der Vater der Familie Lubanski aus der Kriegsgefangenschaft kommt, trägt er eine grüne, warme Stepp-Jacke, eine grüne Militärhose und eine unförmige Schirmmütze und er hat einen Seesack bei sich. Man erkennt, dass es in Russland kalt gewesen sein muss und dass die Kriegsgefangenen nicht gerade komfortabel gelebt haben können.
Sein "Schlafanzug" besteht aus einem weißen, eng anliegenden Overall in Feinripp mit Knöpfen zum Zuknöpfen.
Im Gegensatz zu der eher ärmlichen Ausstattung der Familie Lubanski hat die
Frau des Sportjournalisten mindesten 15 bis 20 Kleidungsstücke in ihrem Schrank
hängen (s. auch Armut und Reichtum). Als sie und ihr Mann im Hotel in Bern ankommen,
trägt die Frau eine weiße Bluse und eine rot-weiß-karierte 7/8-Hose. In der
Zeit, in der der Film spielt, waren wohl knallige Farben und karierte Muster
in Mode. Das sieht man auch beim Endspiel, wo die Frau eine rote Bluse mit einem
rot-weiß-schwarz karierten Rock, passend dazu einen roten Hut und eine rote
Handtasche trägt. Der Journalist hat eine schwarze Hornbrille auf, wie sie heute
wieder modern werden, trägt einen beige-grauen Anzug, ein kariertes Hemde, eine
Krawatte und schwarze Lederschuhe.
Interessant ist die Trainingskleidung der Spieler: eine blaue, enge, kurze Hose und eine blaues T-Shirt. Der Trainingsanzug besteht in einer weiten dunkelblauen Hose mit Schlag, dazu eine dunkelblaue Jacke mit Reißverschluss. Die offiziellen Trikots sind - wie heute - weiß und besitzen einen Aufdruck, dazu passen die schwarzen, weiten, kurzen Sporthosen, Stutzen, schwarze Turnschuhe mit weißen Schnürsenkeln.
Die Adidas-Sportschuhe der Spieler waren so hergestellt, dass man die Stollen heraus schrauben konnte. Für verschiedenes Wetter gab es verschiedene Stollengrößen. Bei dem Endspiel regnete es, und so hatte die deutsche Mannschaft mit den veränderbaren Stollen eine größere Chance zu gewinnen.
© Carina Benz, Katharina Strempel
[1] Autos sind um 1950 noch nicht sehr verbreitet und daher sehr wertvoll.