Theodor-Heuss-Realschule
Lüdenscheid
Die Schüler sahen sich verdutzt an. In der eintretenden Stille meinte man die Frage noch nachschwingen zu hören: "Wer war denn eigentlich Theodor Heuss, nach dem unsere Schule benannt ist?" Leises Getuschel, dann eine zaghafte Antwort: "War das nicht so ein Politiker?" Nach weiterem Abwägen war sich die Klasse einig: "Bundeskanzler".
Eigentlich sollte jeder Schüler unserer Schule es besser wissen: Heuss war Journalist und Redakteur bei mehreren Zeitungen, Dozent an der Hochschule für Politik in Berlin, von 1924 - 1933 Abgeordneter der Deutschen Demokratischen Partei im Reichstag, 1945/46 Kultusminister von Württemberg/Baden, Mitbegründer der FDP, Mitarbeiter am Grundgesetz und von 1949 bis 1959 der 1. Bundespräsident der Bundesrepublik Deutschland.
Wir haben uns daran gewöhnt, dass man Straßen, Plätze und Brücken mit den Namen großer Politiker bedenkt; wäre für eine Schule nicht einer der großen Dichter und Denker als Namensgeber geeigneter gewesen?
Theodor Heuss war mehr als nur Bundespräsident. Er war eine Vaterfigur mit besonderer Zuneigung zur Jugend. Immer wieder suchte Heuss das Gespräch mit jungen Menschen, um ihre Sorgen und Probleme kennenzulernen und zu verstehen, und sein ganzes Leben lang äußerte sich Heuss zum Thema Erziehung und Bildung. Es wäre aber falsch, in der Person Heuss nun auch noch den genialen Pädagogen zu vermuten. Für ihn war nicht "der Lehrplan, sondern der Geist des Erziehers das Entscheidende". Und bei der Einweihung eines Theodor- Heuss-Gymnasiums führte er aus, dass Latein bestimmt nicht die Voraussetzung für Bildung sei.
Wie Heuss sein Idealbild der Jugend sah, wird aus folgendem Zitat deutlich: "Dieser junge Mensch, wenn er nicht zu denen gehört, die nur auf Befehl funktionieren und nachher nichts mit sich anzufangen wissen, hat seinen Stolz, seinen Lebenswillen, seinen Ehrgeiz, er will sich auch in seiner Umwelt umsehen und seine Welt zu formen versuchen". Nun wird klar, warum unsere Schule den Namen dieses Mannes erhielt.
Es ist nicht der Name des Ex-Bundespräsidenten, sondern sein Vermächtnis an die Jugend, welches an unserer Schule gegenwärtig ist. Nicht im blinden Lernen sah Heuss "den Reichtum der Jugend", sondern dieser Reichtum bedeutete für ihn "das Fragenkönnen, das Fragendürfen, das Fragenmüssen".
Dieser Schatz wird an unserer Schule gehütet und den Schülern nahegebracht. Noch ein weiteres Beispiel zeigt, in welcher Weise Theodor Heuss in bezug auf das Zusammenleben von Lehrer und Schüler an unserer Schule nachwirkt: So sehr sich unsere Schüler nach dem erfolgreichen Abschluss sehnen und behaupten, danach nie mehr dieses Gebäude betreten zu wollen - schon kurze Zeit nach dem Abschluss kommen viele Ehemalige auf Besuch und denken mit etwas Wehmut an ihre Schulzeit. Wie Heuss selbst erinnern sie sich weniger des Lehrstoffes, wohl aber ihrer Lehrer, denen sie bewusst oder unbewusst nachgelebt haben und mit denen sie als Schüler zusammenzuleben lernen mussten; um es mit Heuss zu sagen: "eine ständige Übung in Menschenkenntnis, der Lehrer selbst wird zum Lernstoff".
Hoffentlich bleiben Vermächtnis und Geist unseres Namensgebers an unserer Schule erhalten. In Abwandlung eines ähnlichen Spruches würde Heuss uns vielleicht zurufen: "Na, dann lernt mal schön!"
(Zeichnung: Mirko Szewczuk, mit freundl. Genehmigung durch © Ilona Szewczuk-Zimmer)