Rede der Rektorin, Frau Rogold, zum Schuljubiläum
Schuljubiläum 23. September 2006
Sehr geehrter Herr Bürgermeister, sehr geehrte Damen und Herren der Stadtverwaltung Lüdenscheid, verehrte Kolleginnen und Kollegen aus den Schulen Lüdenscheids, sehr geehrte Damen und Herren des Fördervereins unserer Schule, sehr geehrte Eltern, sehr geehrte ehemalige und aktive Kolleginnen und Kollegen, liebe Familie Geitz, liebe Frau Hülscher, liebe Schülerinnen und Schüler, verehrte Gäste,
„In wenigen Tagen werde ich 60. Ich hasse es, aber es ist so.“ Das sagte nicht etwa unsere Sekretärin Frau Hülscher, die im Juli dieses Jahres 60 wurde. Nein, es ist der frühere Präsident der USA, Bill Clinton, der auf diese Weise mit seinem Alter hadert.
Die Theodor-Heuss-Realschule wird in diesem Jahr ebenfalls 60 Jahre alt, wir hadern aber nicht, wir feiern das 60jahrige Bestehen unserer Schule. Und ich freue mich, verehrte Gäste, dass Sie heute hier sind und mit uns feiern wollen.
Unsere Schule wurde 1946 hineingeboren in eine Zeit des Neuaufbaus in Deutschland nach Diktatur, Massenmord und Krieg. Diejenigen, die vor 60 Jahren in dieser Schule lehrten und lernten, wurden Zeitzeugen dieses demokratischen Neubeginns.
- Aus der Chronik der Schule – vielen Dank Herr Morlinghaus - und aus Berichten von Zeitzeugen geht hervor, dass die Vorgängerin unserer jetzigen Schule die Südschule war, in der es den ersten Mittelschulaufbauzug gab. Diese Schule wurde, wie alle anderen Schulen Lüdenscheids, in den letzten Kriegmonaten 1945 geschlossen. Wo einst die Südschule stand, befindet sich heute das Lüdenscheider Kulturhaus.
- Nach Ende des Krieges wurde am 7. Januar 1946 die erste eigenständige Mittelschule in der Kluserschule eingerichtet, und diesen Zeitpunkt sehen wir als Geburtsstunde unserer heutigen THR an.
- Lüdenscheid wurde während des Krieges nicht durch Luftangriffe bombardiert und blieb deshalb vor schlimmen Zerstörungen wie denen in Hagen und in den Großstädten des Ruhrgebiets bewahrt. Die neugegründete Mittelschule wurde in einem unbeschädigten Gebäude aus dem Jahr 1884 untergebracht, es gab keine Fachräume, keine Aula, die räumliche Unterbringung war von Anfang an eine Notlösung. „Aber wer verlangte in jenen Jahren schon mehr?“ schrieb Herr Turk, der die Schule von 1984 bis zum Jahr 2000 erfolgreich und mit einem großen Herzen leitete, in der Festschrift zum 40jährigen Bestehen der Schule.
- Es gab viele entbehrungsreiche Jahre nach dem Krieg. Die Zuteilung durch Lebensmittelkarten war sehr gering, und auch in Lüdenscheid war 1947 ein Hungerjahr. Diejenigen, die Freunde oder Verwandte im ländlichen Raum hatten, entkamen der schlimmste Not, der Tauschhandel mit Naturalien blühte.
- Der ehemalige Kollege Herr Teckemeyer erzählte mir, dass es schon mehr als ein Segen war, als die Schulspeisung seitens der britischen Besatzungsmacht einsetzte: Ein halber Liter Suppe pro Tag. Wenn man beim Austeilen half, gab es einen Schlag Suppe extra. Sogar in den Ferien ging die Schulspeisung weiter.
- Herr Turk erzählte mir, dass er, der diese Zeit als Gymnasiast erlebte, morgens eine Stunde zu Fuß zur Schule ging und natürlich mittags wieder 1 Stunde zurück. Um an sein Lateinbuch zu kommen, das er mit einem Mitschüler teilte, lief er nachmittags eine halbe Stunde zu diesem Mitschüler und dann wieder zurück.
- Die Schülerinnen und Schüler der neuen Mittelschule lernten 1949 nicht wie unsere heutigen Schüler und Schülerinnen aus Geschichtsbüchern, dass im Mai dieses Jahres mit dem Grundgesetz ein neuer und freier demokratischer Rechtsstaat, die Bundesrepublik Deutschland, entstand, sie waren praktisch dabei.
- Selbstverständlich war der Name Theodor Heuss den Schülerinnen und Schülern ein Begriff, und jeder wusste, dass er der erste Präsident der neugegründeten Bundesrepublik Deutschland war. Nach ihm wurde auf Vorschlag des Kollegiums die Schule 1964 benannt.
- 1947 stieg die Einwohnerzahl Lüdenscheids auf über 50000. Viele Flüchtlinge und Vertriebene aus dem Osten fanden hier eine neue Heimat. Entsprechend stieg auch die Schülerzahl in der neuen Mittelschule rasch an. Mit 6 Klassen hatte die Schule 1946 begonnen, schon 1950 waren es 13 Klassen.
- Aus alten Zeitungsartikeln geht hervor, dass in der neu gegründeten Mittelschule „erbärmliche Verhältnisse“ herrschten: Drangvolle Enge, und wegen der wachsenden Schülerzahlen Unterbringung in unterschiedlichen Gebäuden. Sogar in der Kreuzkirche fand Unterricht statt. „Das waren schon verrückte Zeiten.“ So sieht es heute Herr Teckemeyer.
- Lange Zeit mussten Lehrende und Lernende sich arrangieren und improvisieren, und auch die Trennung 1956 von Realschule 1 und Realschule 2 (heute Richard-Schirrman-Realschule) brachte zur großen Enttäuschung des Kollegiums für die Realschule 1 nicht wirklich eine räumliche Verbesserung. Der erste Schulleiter der Schule, Herr Wilhelm Halfmann, sein Kollegium und die Schülerschaft mussten die Situation ertragen, und sein Nachfolger, Herr Brocksieper, kämpfte gemeinsam mit dem Kollegium um eine Verbesserung der räumlichen Verhältnisse.
Lassen Sie mich von den beschwerlichen Gründerjahren einen Zeitsprung in die Gegenwart machen.
Wie erleben wir, die wir heute an der THR lehren und lernen, unsere Schule?
Wir haben alle genug zu essen, wir sind gut gekleidet, es gibt Schulbücher und Schulbusse, wir haben genügend Platz in einem der schönsten Schulgebäude der Stadt Lüdenscheid, und die Stadt sorgt für eine angemessene Ausstattung.
Vieles ist uns heute selbstverständlich, was unsere Vorgänger als paradiesische Zustände beschrieben hätten.
Und dennoch ist nicht alles leichter geworden. Unsere heutige Welt ist kompliziert: Kinder und Jugendliche brauchen mehr denn je Orientierung in dem vielfältigen Angebot der Konsumgesellschaft, der Freizeitindustrie und der Medien. Das Zusammenleben in einer multikulturellen Gesellschaft schafft neue Möglichkeiten, aber auch Reibungsverluste. Familienstrukturen verändern sich, und nicht mehr alle Jugendlichen finden in der Familie den sicheren Ort, wo sie aufgefangen werden. Seit PISA wird die Qualität unserer Schulen in Frage gestellt. Das Abschlusszeugnis der Realschule ist nicht mehr automatisch die Eintrittskarte für einen Beruf.
Die Erwartungen und Anforderungen der Gesellschaft an die Schule sind hoch:
- Die Schule soll Bildung und vor allem Wissen und Fähigkeiten vermitteln, so dass möglichst viele Jugendliche die Realschule mit qualifizierten Abschlüssen verlassen können.
- Die Schule soll erziehen und soziales Lernen fördern. Sie soll Sozialkompetenzen wie Zuverlässigkeit, Fleiß, Teamgeist, Konfliktfähigkeit, Anstrengungsbereitschaft und Kommunikationsfähigkeit trainieren.
- Die Schule soll Werte vermitteln: Respekt und Achtung vor Mensch und der Natur und Verantwortung für die Gemeinschaft.
Wie können wir das alles schaffen?
Das Schulministerium ist bemüht, die Qualität schulischer Leistungen durch Maßnahmen wie Kernlehrpläne und Bildungsstandards, Zentrale Prüfungen, Lernstandserhebungen und Qualitätsüberprüfungen der Schulen zu erhöhen. Ich hoffe sehr, dass diejenigen, die im Mittelpunkt unserer Arbeit stehen, die Schülerinnen und Schüler, davon profitieren werden.
Um die Qualität schulischer Leistungen und sozialer Kompetenzen jedoch nachhaltig zu sichern und zu verbessern, muss sich die Schule vor Ort auf drei Säulen stützen können: Eine professionell engagierte Lehrerschaft, eine die Schule unterstützende Elternschaft und eine lernwillige Schülerschaft.
Die THR hat sich schon in der Vergangenheit durch ein äußerst lebendiges Schulleben und eine hohe Anzahl qualifizierter Abschlüsse ausgezeichnet.
Wir fühlen uns zur Fortsetzung dieser Tradition verpflichtet und nehmen die Aufgaben der Gegenwart an:
Wir sind auf dem Weg und machen besondere Anstrengungen in folgenden Bereichen:
- Lernen mit modernen Medien: Wir führen unsere Schülerinnen und Schüler frühzeitig an den verantwortlichen Umgang mit den Medien Computer und Internet heran: Die Jahrgangsstufen 6, 7 und 10 nutzen diese Medien im Projektunterricht. In allen Klassen wird der neue Computerraum mehr und mehr auch im „normalen“ Unterricht genutzt. Wir bieten für diejenigen, die sich besonders interessieren, den Neigungsschwerpunkt Informatik an.
- Berufswahlvorbereitung: Durch intensive Beratung und praktisches Erleben werden Berufswahl oder weiterer Bildungsgang vorbereitet. Zu den Bausteinen Betriebpraktikum und Berufsberatung sind in der letzten Zeit weitere hinzugekommen: Ein Bewerbertraining, ein Seminar zur Findung eines Persönlichkeitsprofils, ein Betriebserkundungstag, an dem die Jugendlichen einen Angehörigen einen Tag lang in der Arbeitswelt begleiten, Informationsveranstaltungen für Jugendliche und Eltern über weiterführende Schulen.
- Soziales Lernen: Um ihre Sozialkompetenz zu erhöhen und um zum Schulfrieden beizutragen werden Schülerinnen und Schüler ausgebildet, Streitigkeiten zwischen Schülern zu schlichten. Die Klassen 5 haben auch in diesem Jahr an einem Präventionsprogramm des Märkischen Kreises „Gemeinsam sind wir stark“ teilgenommen. Leider war es das letzte Mal: Der Kreis will die Kosten für die THR nicht mehr tragen, weil die Stadt Lüdenscheid ein eigenes Jugendamt hat.
Unsere Sanitätergruppe übernimmt Verantwortung für die erste Hilfe bei Unfällen und Gebrechen.
Und nicht zu vergessen: Das soziale Lernen durch das Schulleben und im ganz normalen Unterricht.
- Eigeninitiative bei der Gestaltung des Schulumfelds: Unsere beiden Atrien wurden in Eigeninitiative unserer SV mit Unterstützung der Fördervereins und des Hausmeisters gestaltet. Und zurzeit setzen sich Schülerschaft, Elternschaft und Kollegium aktiv und einmütig für den Einbau eines Fahrstuhls für behinderte Schülerinnen und Schüler ein.
Auch der Erlös des heutigen Tages soll laut Beschluss der Schulkonferenz einen Beitrag zur Finanzierung dieses Projekts leisten.
Ich könnte noch weitere Schwerpunkte ausführen, will einige hier aus Zeitgründen aber nur nennen:
- Im musischen Bereich bieten wir in Kooperation mit der Musikschule für die Klassen 5 und 6 Unterricht an Streichinstrumenten an.
- Wir bemühen uns, den aus der Grundschule zu uns kommenden Kindern den Übergang möglichst reibungsfrei zu gestalten.
- Wir haben ein Förderkonzept für die Erprobungsstufe entwickelt, das wir ständig fortschreiben.
Die Zukunft wird zeigen, wie weit wir auf unserem Weg der Qualitätssicherung und Qualitätsverbesserung wirklich gekommen sind.
Machen Sie sich heute ein Bild von der Gegenwart unserer Schule, schauen Sie sich die Vorführungen, Präsentationen und Workshops im Gebäude an.
Kolleginnen und Kollegen, Eltern, Hausmeister, Sekretärin und natürlich unsere Schülerinnen und Schüler haben für die Vorbereitung und Durchführung dieser Veranstaltung gearbeitet. Allen sage ich herzlichen Dank für ihr großes Engagement, und dem Förderverein unserer Schule danke ich für seine finanzielle Unterstützung.
Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit.