John Maynard

Erzählt nach der Ballade von Theodor Fontane

Billy saß mit Bob und Joe in seiner Stammkneipe "zum Goldenen Anker",als sie sich über das Schiffsunglück unterhielten, an dem sie beteiligt waren. Sam, der Kellner, trat zu den Dreien an den Tisch. Billy rief mit grölender Stimme: "Ich geb einen aus, auf den Helden John Maynard!" Alle jubelten. Nur ein Mann wusste nicht, wer John Maynard war. Ein Mann, der sich Angus nannte. Er hatte sein Glück als Goldgräber im Norden Kanadas versucht. "John Maynard?", fragte er mit gerunzelter Stirn. "Den kenne ich gar nicht. Wer ist das?" "John Maynard war ein Teufelskerl!", sagte Billy und trank den Old Scotch mit einem Zug leer. Er hat uns und über zweihundert anderen Passagieren das Leben gerettet. "Aha!", sagte Angus und hielt die Hand hoch. Er wollte damit signalisieren, dass er noch einen Drink bestellen wollte. "Ich mache dir einen Vorschlag!", sagte Angus und guckte Billy, Bob und Joe ernsthaft an. "Ich gebe euch den ganzen Abend Drinks aus, bis ihr mir die Geschichte erzählt habt". Billy lächelte tückisch und fuhr fort:

"Vor zwei Wochen, genau an einem Sonntag, beschlossen wir drei über den Eriesee von Detroitnach Buffalo mit dem Schiff zu fahren. Ich kannte den Kapitän gut und ich musste nur die Hälfte bezahlen. Als wir losfuhren, guckte ich über den herrlich klaren See, auf dem sich die Sonne wiederspiegelte. Ich war lange nicht mehr mit dem Schiff gefahren. An Bord war alles friedlich. Es wurde getanzt, gelacht und gesoffen. Ich, Bob und Joe vergnügten uns mit einem kleinen Jungen. Wir spielten mit ihm und lachten fröhlich. Nach etwa drei Stunden rief einer der Passagiere: "Land in Sicht". Ich ging zu meinem Freund, dem Kapitän, und fragte, wie lange wir denn noch fahren. Er fragte den Steuermann und der meinte, es wären noch gut 30 Minuten. "Gut", dachte ich, "die Zeit können wir ja noch nutzen".

Wir waren mitten im Kartenspiel, als ich es hörte und roch. "Feuer! Feuer!" Ich sprang auf. Ich sah es. Aus der Kajüte drang Rauch. "Oh mein Gott! Der Whisky hat angefangen zu brennen!", dachte ich und holte den in Flammen stehenden Koch aus der Kajüte. Sein ganzer Körper brannte. Ich warf ihm eine nasse Decke über und wälzte mich auf ihm rum, damit dasFeuer ausging. Eine Frau rief: "Wir müssen nach vorne". Auf einmal rannten alle los. Es fühlte sich so an, als ob das Schiff einen Hüpfer gemacht hätte. Ich flog durch die Luft und landete hart auf einem Holzeimer, der krachend zersprang. Ich wunderte mich, dass das Schiff noch geradeaus fuhr. Der Steuermann müsste doch längst vorne bei den anderen Passagieren sein. Aber das war er es nicht. Man konnte durch den dichten Rauch fast gar nichts sehen. Deshalb rief der Kapitän durch sein Sprachrohr: "John, bist du noch da?" "Ja, Kapitän!", hörte man eine raucherstickte Stimme keuchen. Ich hörte ein Weinen. Es war der kleine Sechsjährige, mit dem Joe, Bob und ich gespielt hatten. Ich zog meine Jacke aus und zerriss sie und hielt sie dem Kleinen vor den Mund. Vorher tränkte ich sie im Wasser. John, der Steuermann, rief mit raucherstickter Stimme: "Wir müssen das Schiff auf eine Sandbank lenken". Er brannte schon an den Armen. Er klopfte das Feuer mit der anderen Hand aus und hielt das Lenkrad mit dem Knie. Donnernd explodierte unter ihm ein Whiskyfass. Die Bretter unter ihmbogen sich. Er flog in die Luft und kam mit einem dumpfen Knall auf dem Boden auf. Blut sickerte unter seinem gelben Regencape hindurch. Mit letzter Kraft hob er sein gebrochenes Bein und blockierte damit die Lenkung. Es knirschte. Seine Knochen brachen, aber das halbe Bein hielt durch. Das Ufer kam immer näher. Dann waren es nur noch zehn Meter. Mit einem irren Krach stoppte das Schiff schließlich auf der Sandbank. Das krachende Gebälk brach entzwei und löste einen ungeheuren Druck auf den Boden aus. Die Passagiere schleuderten durch die Luft und man hörte das Aufklatschen auf dem nassen Sand, das Brechen der Beine und das Geräusch aufeinanderschlagender Köpfe. Dann war es totenstill. Man hörte nur noch das Weinen des sechsjährigen, der hinkend nach seiner Mutter suchte.

Es überlebten alle, außer einem: JOHN MAYNARD. Am Tag danach hörte man alle Glocken gleichzeitig in der Stadt. Viele Leute weinten, andere wiederum starrten ins Leere. Der aus massiver Eiche gebaute Sarg, der mit Gold und Blumen beschmückt war, wurde in das Grab getragen. Die Leute warfen so viele Blumen in das Grab, bis der Sargnicht mehr zu sehen war. Und noch etwas erinnerte an den Helden. Ein Marmorstein, auf dem in goldener Schrift stand: "Du hast uns gerettet und wir danken dir von tiefstem Herzen, JOHN MAYNARD"

Dennis Volborth, Klasse 7d - Theodor-Heuss-Realschule.

 
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